Wir sind verwundbar

In meiner Kindheit hatten wir eine Hörspielkassette mit der Nibelungen-Saga. Dort geht es um Siegfried den Drachentöter, der durch ein Bad in Drachenblut unverwundbar wurde – nur nicht zwischen den Schulterblättern, wo das Blut durch ein herabgefallenes Lindenblatt nicht an die Haut gekommen war. Diese Stelle ist ihm später zum Verhängnis geworden. An diese Geschichte musste ich in den letzten Tagen oft denken.
Während unser Leben durch die Corona-Krise gehörig auf den Kopf gestellt wurde, haben wir vor allem eins erfahren: Wir sind verwundbar. Ein kleines Virus, mit den Augen nicht wahrnehmbar, hat unser öffentliches Leben lahmgelegt, gefährdet unsere Wirtschaftskreisläufe und bringt Finanzmärkte ins Wanken. Plötzlich sind auch gesellschaftliche Standards und unser Wohlstand, an den wir uns allzu sehr gewöhnt haben, nicht mehr selbstverständlich. Für Einzelne wird die Krise existentiell und zur persönlichen Katastrophe, während andere die Belastbarkeitsgrenzen unseres gut gerüsteten Gesundheitssystems zu spüren bekommen. Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten sind gefährdet und die Folgen dessen sind noch nicht absehbar.

Was macht das mit mir? Was macht das mit uns?

Verwundbarkeit ist ein Kennzeichen der menschlichen Existenz. Und doch versuchen wir Verwundungen natürlicherweise möglichst zu vermeiden. Wir sichern uns so gut es geht ab. Ist dieser Selbstschutz in Gefahr, so haben wir drei Handlungsoptionen. Wir können unseren Schutz aufrechterhalten, indem wir anderen Wunden zufügen. Alternativ können wir bei vermeintlich Stärkeren Schutz suchen. Als drittes können wir lernen, mit unserer Verwundbarkeit zu leben und uns einander Schutz gewähren. Weil ich um meine Verwundbarkeit weiß, kann ich den anderen mit seiner Verwundbarkeit wahrnehmen und ihm auf Augenhöhe begegnen. Die Fähigkeit und Erfahrung der Verwundbarkeit macht mich verletzlich und empathisch zugleich. Verwundbarkeit wird so zu einer Brücke des Verstehens.

Als Gott in Jesus Christus Mensch wurde, hat er sich selbst verwundbar gemacht. Auf die Verwundungen der Welt reagiert er nicht, indem er unverwundbar und unnahbar bleibt. Er begibt sich mitten hinein in die Welt und schont sich nicht. Seine Verwundbarkeit ist so für uns zu einem Heilsweg geworden. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)

Ich wünsche mir, dass wir bei all der Unsicherheit, die uns umgibt, nicht jene aus dem Blick verlieren, denen es schlechter geht als uns. Jetzt braucht es eine Solidarität mit den Verletzlichen und konkrete Hilfe da, wo uns die Not der anderen begegnet.

In diesem Newsletter berichten verschiedene Menschen davon, wie die Corona-Krise uns zu einem Umdenken und einem Anpacken bewegen kann.

Bleiben sie behütet!

 

Kerstin Göpfert
Referentin für den Ökumenischen Weg

 

Umdenken?!

Zur Zeit ist alles ganz anders! Ein Virus hält die ganze Welt in Schach, bringt Krankheit und auch Tod über die ganze Erde. Arbeiten, Einkaufen, Lernen, alltägliche Begegnungen, Kinderbetreuung – das gesamte öffentliche und auch private Leben ist durch die Vorsichtsmaßnahmen förmlich auf den Kopf gestellt. Es muss vieles neu gedacht, fokussiert und improvisiert werden. Wir müssen verzichten – auf persönliche Begegnungen, Konzerte, Gottesdienste. Existenzen sind bedroht, eine eigene Erkrankung nicht ausgeschlossen. Niemand kann sagen, wie lange dieser Ausnahmezustand noch andauern wird. Berichte und Meinungen dazu ändern sich fast täglich. Und in dieser Situation feiern wir jetzt Ostern, das wichtigste Fest der Christen, die Auferstehung Jesu von den Toten, den Sieg über Sünde und Tod. Geht das?! Ostern hat für mich ganz viel mit der St. Konrad Kirche in Deutzen zu tun. Im Altarraum der Kirche ist auf einem großen Wandgemälde der auferstandene Jesus zu sehen, der seinem Betrachter direkt in die Augen schaut, als ob er sagen will: Dich, genau dich meine ich! Für dich bin ich gestorben und auferstanden. Wenn ich an dieses Bild denke wird mir ein wenig österlich zu Mute und ich bin mir sicher, wir können auch in diesem Jahr Ostern feiern, vielleicht nur anders als gewohnt. Aber hat nicht Jesus auch vieles anders gemacht, als seine Zeitgenossen es von dem Messias erwartet hätten und durch die Auferstehung alles auf den Kopf gestellt? Vielleicht können wir an Jesus lernen und die Gelegenheit ergreifen zum Umdenken.

Umdenken und weiterdenken ist derzeit auch für die St. Konrad Kirche notwendig. Sie steht in der kleinen, früher von der Braunkohleindustrie geprägten, Ortschaft Deutzen, unweit von Borna (bei Leipzig) und wurde erst 1956 fertiggestellt. Sie sollte den aus Bayern stammenden Arbeitern und nach dem Zweiten Weltkrieg geflüchteten Katholiken Heimat geben. Die Steine für den Bau stammten von der kriegszerstörten Leipziger Trinitatiskirche und wurden auf abenteuerliche Weise nach Deutzen gebracht. Das Holz für den Dachstuhl wurde aus Bayern gespendet. Das erwähnte Altarbild hat Dr. Georg Nawroth gemalt. Jedoch ist die Kirche nur eine von vielen Gottesdienstorten in einer großen Landgemeinde und man suchte nach einer neuen Aufgabe. Diese Aufgabe hat sich in der Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus gefunden. Auch die Tatsache, dass hier schon in den 80er Jahren Umweltgottesdienste gefeiert wurden und die Kirche mit ihrem Garten sehr idyllisch gelegen ist bestärkte die Idee, die Kirche zu einem Begegnungs- und Umweltzentrum zu machen, der „Ökokirche Deutzen“. Wir im „Initiativkreis Ökokirche Deutzen“ wollen hier Menschen für Gottes wunderbare Schöpfung sensibilisieren. Sie motivieren nach ihren Möglichkeiten einen Beitrag zu leisten. Jedoch wollen wir hier keine fertigen Lösungen auf den Tisch legen, sondern miteinander, auf Augenhöhe nach Lösungen für eine friedlicher, gerechtere und heilere Welt suchen. Wir wollen voneinander lernen und miteinander ins Gespräch kommen. Wir wollen dies im Vertrauen darauf tun, dass Gott seine Schöpfung nicht im Stich lassen wird und er sich unserer Bitten annimmt. So beten wir seit dem letzten Sommer das „Gebet zur Bewahrung der Schöpfung“ an jedem ersten Freitag im Monat, zu dem ich Sie, wenn es wieder gestattet ist, herzlich einladen möchte.

Ich möchte Ihnen auch das „Gebet für die Erde“ von Papst Franziskus aus seiner Enzyklika „Laudato Si“ ans Herz legen. Es begleitet uns seit dem ersten „Gebet zur Bewahrung der Schöpfung“. Angesichts von Krieg, Flucht und Vertreibung, Ausbeutung von Mensch und Umwelt, Klimaveränderungen, Verschmutzung und Verschwendung ist dieses Gebet auch eine Aufforderung zum Umdenken. Auch wenn diese Themen grade etwas aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind wegen der Corona Pandemie, so wollen wir sie nicht vergessen. Zwar können wir uns gerade über eine verbesserte Luftqualität freuen, weil viele Menschen von zu Hause arbeiten, Flugreisen und viele Produktionen eingestellt wurden. Jedoch sind die Folgen der Pandemie für Menschen, die schon im Normalzustand keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben kaum abzuschätzen, ebenso für die, die sich auf der Flucht befinden.
Die Chance zum Umdenken haben wir als Gesellschaft auch nach der Pandemie. Wollen wir versuchen den Stand von vorher wieder einzuholen oder wollen wir uns um eine Welt mit mehr Gerechtigkeit, Genügsamkeit, Dankbarkeit und Demut mühen? Wir könnten in Kreisläufen denken und handeln; Gottes ganzer Schöpfung die Achtung und den Respekt entgegenbringen, die ihr gebührt und bewusst nicht alles machen, was wir machen könnten.
Ich bin mir sicher, dass auch in diesem Jahr am Ostermorgen alle Glocken läuten und von der Auferstehung künden werden. Wir können darauf vertrauen, dass der liebende Gott uns Menschen anschaut und uns nicht verlässt; besonders in schweren Zeiten ist er immer bei uns.
Ich wünsche Ihnen eine frohe und gesegnete Osterzeit und gute Ideen beim Umdenken,

Ihre Cäcilia Reiprich,
Initiativkreis Ökokirche Deutzen

Ἀποκάλυψις – Apokalypsis: Enthüllung, Offenbarung.
ἀποκαλυπτεω – apokalypteo: enthüllen, entblößen.

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, wurde in Zeiten großer Bedrängnis geschrieben. Nicht in Zeiten einer Pandemie, soweit wir wissen, aber in Zeiten politischer Unterdrückung und großen Einschränkungen des religiösen und privaten Lebens zugunsten des römischen Kaiserkultes.
Der Brief, der an viele Gemeinden verschickt und dort vor der gesamten Gemeinde verlesen wurde, sollte vor allem trösten. Er ermahnt auch zur Umkehr, aber unter den Vorzeichen, dass Gott in Jesus eine Welt ohne Schmerzen, eine Welt voller Schönheit vorbereitet hat, und diese nicht mehr weit entfernt ist.

Auch wir erleben eine Zeit der Apokalypse. Aber nicht im umgangssprachlichen Sinne eine Zeit des Weltuntergangs, sondern eine Zeit der Enthüllung. Es wird offen gelegt, was vorher schon da war. Und es wird aufgedeckt, was möglich ist.

Es wird offenbar, dass ein rein individualistisches Denken nicht kongruent ist mit der Realität der Interdependenz zwischen uns Menschen und unserer Mitwelt: mein Schicksal hängt von deinem ab. Und nicht nur von deinem, sondern von den Verwundbarsten in unserer Mitte.
Wenn du aus dem Skiurlaub aus Ischgl zurückkehrst und vielleicht selbst keine Symptome zeigst, kannst du trotzdem andere Menschen anstecken, die den Virus wiederum weitergeben und zur Ausbreitung beitragen. Ein buchstäblicher Reissack, der in China umfällt, hat sehr wohl Auswirkungen auf unseren Alltag hier in Dresden. Corona verdeutlicht, dass globale Verstrickungen nicht einfach nur gut, aber auch nicht einfach nur schlecht sind. Dass wir auf internationale Zusammenarbeit beim Erforschen eines Impfstoffs angewiesen sind.
Diese Interdependenz zeigt sich an komplexen Abläufen, die die monatelangen Waldbrände in Australien befeuert haben, oder an der Versauerung der Meere, die Ökosysteme dominoartig zusammenfallen lassen, genauso wie im sozialen Bereich: „Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich.“ sagte schon Audre Lourde. Die positive Seite der Medaille: Planetare Solidarität ist möglich.

Aufdecken dessen, was ist

Es zeigt sich gerade besonders scharf, welche Menschen oder welche Berufe „systemrelevant“ sind und wie heftig der Kontrast zur gesellschaftlichen Wertschätzung ist. Müllfahrer*innen, Pflegepersonal, Kassierer*innen, Kindergärtner*innen — all dies sind Berufe, die das Leben, wie wir es gewohnt sind, aufrecht erhalten. Und trotzdem ist die finanzielle Entschädigung (in der sich Wertschätzung in unserer durchökonomisierten Gesellschaft nun mal ausdrückt) alles andere als angemessen.
Corona deckt auf, dass unser Wirtschaftssystem, das auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist, keinen Krisen standhalten kann. Warum müssen Krankenhäuser eigentlich Umsatz machen, wenn sie so nicht in der Lage sind eine humane, menschengerechte Versorgung zu gewährleisten? Es reicht eine flächendeckende Krankheitswelle und „die Wirtschaft“ muss „gerettet“ werden: also Milliarden an Unterstützung erhalten. Wo ist diese Unterstützung, wenn es um echte Menschen geht, und nicht um juristische Personen und Institutionen wie Banken oder Aktien? Momentan stehen viele Freischaffende, Künstler*innen und Selbstständige am Rande ihrer Existenz.
Inzwischen ist offenbar, dass die Kürzungen im Sozialsystem der Vergangenheit nicht haltbar sind. Dass der Markt nicht alles regelt, sonst wär Toilettenpapier bei Real für 38€ nichts weiter als ein schlechter Witz. Es zeigt sich, dass unter Krisen vor allem jene leiden, die sowieso schon von uns und der staatlichen Versorgung abhängig sind. Dass die Verletzlichsten unter uns keinerlei Schutzmöglichkeiten haben außer unserem guten Willen. Ein schwaches Sicherheitsnetz.
Wir sehen jedoch nicht nur das, was schief läuft, sondern Corona öffnet uns auch die Augen für das, was möglich ist: Hunderte von Nachbarschaftsnetzen sprießen aus dem Boden, Musiker*innen und Autor*innen stellen ihre Werke zum freien Genuss ins Netz, und Kontakte, die sonst eingeschlafen wären, werden nun wiederbelebt.

Entdecken dessen, was möglich ist

Erst vor zwei Wochen haben wir Mitarbeitenden der Ev. Gemeinde Frieden und Hoffnung in Dresden überlegt: „Was wäre, wenn…?“. Wir haben rumgesponnen: „Was wäre, wenn wir Kinder entscheiden lassen, wie sie Kirche haben wollen?“ „Was wäre, wenn wir schauen, auf wessen Kosten wir gerade leben und dann versuchen daran was zu ändern?“ „Was wäre, wenn, wenn wir besonders viel zu tun haben, besonders viel beten würden?“
Unter anderem haben wir auch darüber nachgedacht, was wäre, wenn „wir alle kirchlichen Aktivitäten auf 0 setzen würden und dann alle Gemeindeglieder sagen würden, dass will ich im nächsten halben Jahr machen?“
Dieser Zeitpunkt ist nun sehr viel früher und radikaler eingebrochen als es irgendjemand von uns vermutet oder gar gehofft hätte. Alle Gottesdienste und gemeinschaftlichen Aktivitäten wurden eingestellt und Dienstberatungen finden größtenteils über Telefonkonferenzen statt. „Sei vorsichtig, wofür du betest“ ist eins der geflügelten Kirchenwörter, das immer mal wieder so rumschwirrt.

Auf 0 gesetzt. Fast

„Was wäre, wenn wir bekommen, was wir brauchen?“ Wir haben für diesen Reboot der Gemeinde oder der Gesellschaft nicht gebetet. Aber was, wenn wir einen solchen Einschnitt brauchen, um unser Denken ganz radikal, von der Wurzel auf, umzulenken? Eine andere Art des Lebens und des Miteinanders vorzustellen. Einen neuen Weg einzuschlagen.
In Venedig, wo seit dem 08. März die Quarantäne ausgerufen ist, schwimmen wieder Schwäne und Delfine in den Kanälen. Das Wasser, das von den Kreuzfahrtschiffen und tausenden Motorbooten verdreckt war, ist wieder glasklar und man sieht Fische durchs Wasser flitzen.

Die Fragen, die mich beschäftigen, und die uns immer schon in den „anders wachsen“-Gemeinden umtreiben — für die jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist — sind: Was brauchen wir und was wollen wir? Wie möchten wir, dass unsere Welt aussieht, wie wollen wir miteinander umgehen? In was für einer Welt wollen wir leben? Und was glauben wir, sind unsere gottgegebenen Kräfte, Talente und Stärken, die wir dafür einbringen können?

Verschwenderisches Leben

Und noch viel wichtiger: Was für ein Leben hat Gott für uns in petto?
Wenn wir uns an der Schöpfung orientieren, sehen wir Leben im Überfluss. Es wächst mehr, als Lebewesen jemals essen können. Tiere und Pflanzen haben Zeit im Übermaß. Jesus gönnt sich ein Wüstenretreat von 40 Tagen! Das ist mehr als die meisten von uns Jahresurlaub haben.
Auch wenn ich persönlich nicht viel von der Rhetorik von „Gottes Plan“ halte, bin ich der tiefsten Überzeugung, dass Gottes Reich ein Leben in Fülle für alle verheißt. So wie Gott sich in der Schönheit und im Reichtum seiner Schöpfung verschwendet, so wie sich Jesus in Liebe zu den Menschen verschwendet und so wie z.B. die Frau ihr kostbares Öl für Jesus verschwendet, so verschwenderisch stelle ich mir ein Leben aus Gottes Segen heraus vor!
„Gönn dir!“ im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Lüge (und dieses Wort verwende ich nicht leichtfertig), unter der wir leben, ist das Gefühl des Mangels. Wir haben nicht genug. Wir leisten nicht genug. Wir sind nicht genug. Angeblich.
Die Urbotschaft des Evangeliums ist das gebrochene Gegenteil: Ganz am Anfang der Schöpfungsgeschichte spricht Gott allen Geschöpfen zu, dass sie gut seien, sogar sehr gut. In vielen Erzählungen wird dann klar, dass wir Menschen aber trotzdem auch viel Mist verursachen und „von Grund auf böse“ sind (Noah, Gen 9). Die Lebens-, Sterbens-, und Auferstehungsgeschichten Jesu führen uns vor Augen, dass die Sünde und der Tod in und um uns jedoch nicht das letzte Wort haben werden. Gott, die Liebe, die Hoffnung ist stärker. In jeder Situation, in der Menschen verschwenderisch umgehen, anfangen von den Balkonen zu singen, mit Kreide auf der Straße malen, einfach weil sie es können, bei jedem Fest, das wir feiern, leuchtet diese göttliche Verschwendung auf und zeigt, wie ein Leben in Fülle aussehen kann.

Mit diesem Diktum der Fülle, der Verschwendung, des Rechts auf Luxus liegt dem christlichen Glauben ein zutiefst antikapitalistischer Gedanke inne: wir haben nicht zu wenig, sondern mehr als genug, um ein gutes Leben zu führen. Du bist es wert geliebt zu werden. Mit all deinen Fehlern, mit all deinen Schwächen. Mit all deinen Stärken. Nicht wegen dem, was du leistest, bist du liebenswert und gut, sondern weil Gott jedes Geschöpf mit Liebe geschaffen hat und jedem Leben ein Wert innewohnt, der unhintergehbar ist. Weil Leben unverfügbar ist und wir diesem mit Ehrfurcht begegnen sollten.

Apokalyptische Hoffnung

Die Chance, die uns diese apokalyptische, enthüllende Quarantäne-Situation bietet, ist unseren Blick auf das zu lenken, was uns trägt und was uns erdet. Was macht unser Leben lebenswert und wie können wir das auch nach Corona anwenden?
Wie kriegen wir ein Miteinander in den Gemeinden hin, sodass Kirche nicht nur der Sonntagsgottesdienst ist, sondern dass wir als Gemeinschaft Kirche bilden? Wie können wir auch nach Corona die „systemrelevanten“ Pfeiler unserer Gesellschaft ausbauen und stützen? Und nicht nur auf politischer Ebene mit gerechter Bezahlung und sozialer Absicherung (die auf jeden Fall auch erfolgen muss), sondern auch auf Gemeindeebene?
Wenn wir keine Gottesdienste mehr auf YouTube halten müssen, lohnt es sich diese trotzdem weiterzuführen, um auch mit denen in Kontakt zu bleiben, die Sonntag morgens nicht zur Kirche gehen können? Wenn wir nicht mehr aufs Nachbarschaftsnetz angewiesen sind, wollen wir trotzdem in Verbindung bleiben, um auch weiterhin in Krankheitsfällen helfen zu können oder im Notfall die Kinder zu betreuen? Wenn wir wieder ganz geregelt im Supermarkt einkaufen gehen können, wollen wir trotzdem das Wissen unserer Groß- und Urgroßeltern zu Selbstversorgung wieder entdecken, um uns von globalen Lieferketten und deren intrinsischen Ungerechtigkeiten loszusagen? Wenn wir wieder im Alltag der Lohnarbeit angekommen sind, wollen und können wir trotzdem Zeit einplanen, um Bücher zu lesen, stricken zu lernen oder einen Online-Kurs zu einem Thema zu besuchen, das uns schon immer interessiert hat? Wenn wir die Illusion der Kontrolle und absoluten Sicherheit wiedererlangen, werden wir uns trotzdem Zeit zum Gebet nehmen, uns für fünf Minuten aus dem Alltag zurückziehen, um Gott zu lauschen?

Juliane Assmann
Referentin für „anders wachsen“-Modellgemeinden

Corona und die Arbeit der evangelischen Hilfswerke im Süden

Die Corona-Krise schneidet tief in unser Leben ein. Es ist erschreckend, wie viele Menschen weltweit an der Infektion täglich sterben. Rasant hat sich unser Alltag unter all den Maßnahmen zum Infektionsschutz geändert. Wir erleben Einschränkungen, die vor wenigen Wochen noch unvorstellbar gewesen wären. Die Pandemie stellt die Länder des Nordens in jeder Hinsicht vor immense Herausforderungen. Doch dabei darf nicht aus dem Blick geraten, dass die Krise gerade ärmere Länder besonders hart trifft. Die Präsidentin von Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weitzel, schaut mit Sorge in die Partnerländer und sagt:
„Die Gefahr, sich mit Covid-19 anzustecken, ist für jene Menschen besonders groß, die am schutzlosesten sind: für die Menschen in den Flüchtlingslagern in Myanmar, in Kenia, in Syrien oder auf Lesbos, für indigene Völker von Brasilien bis Papua-Neuguinea oder auch für die Millionen Bewohnerinnen und Bewohner informeller Siedlungen am Rande der Megastädte Asiens, Afrikas und Südamerikas“.

Die Corona-Krise schneidet tief in unser Leben ein. Es ist erschreckend, wie viele Menschen weltweit an der Infektion täglich sterben. Rasant hat sich unser Alltag unter all den Maßnahmen zum Infektionsschutz geändert. Wir erleben Einschränkungen, die vor wenigen Wochen noch unvorstellbar gewesen wären. Die Pandemie stellt die Länder des Nordens in jeder Hinsicht vor immense Herausforderungen. Doch dabei darf nicht aus dem Blick geraten, dass die Krise gerade ärmere Länder besonders hart trifft. Die Präsidentin von Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weitzel, schaut mit Sorge in die Partnerländer und sagt:
„Die Gefahr, sich mit Covid-19 anzustecken, ist für jene Menschen besonders groß, die am schutzlosesten sind: für die Menschen in den Flüchtlingslagern in Myanmar, in Kenia, in Syrien oder auf Lesbos, für indigene Völker von Brasilien bis Papua-Neuguinea oder auch für die Millionen Bewohnerinnen und Bewohner informeller Siedlungen am Rande der Megastädte Asiens, Afrikas und Südamerikas“.

Die Partnerorganisation CASA informiert in verschieden Teilen Indiens die Menschen über das Corona-Virus und zeigt, wie das Infektionsrisiko durch Hygienemaßnahmen verringert werden kann.

Neben Armut und beengten Lebensverhältnissen – ein idealer Nährboden für das Virus – kommt hinzu, dass es in vielen Ländern nur eine völlig unzureichende staatliche Daseinsvorsorge gib. Im afrikanischen Tschad, wo ein Mediziner im Schnitt 20.000 Menschen versorgt, sagt der Arzt Djékadoum Ndilta: „Wir wissen, was zu tun wäre, aber wir haben keine angemessenen Mittel, um der Krankheit hier entgegenzutreten“. Er leitet seit 2002 das kirchliche Krankenhaus von Koyom, das auch von Brot für die Welt mit medizinischen Geräten unterstützt wird. Und er gibt eine düstere Prognose ab:
„Alles, was wir machen können, ist, Erkrankte zu isolieren, und vorbeugende Maßnahmen der Hygiene zu ergreifen, wie etwa die Hände zu waschen oder Mundschutz zu tragen. Man muss eingestehen, dass eine Krankheit wie COVID-19 schwierig einzudämmen ist in einer Region wie der unseren, wo die Menschen auf engstem Raum zusammenleben“.
Angesichts der Corona-Pandemie passen Hilfswerke wie Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe ihre Projekte an und bauen sie zum Teil aus. Es geht um den Bau von Latrinen, um die Bedingungen allgemein zu verbessern oder um die Verteilung von Hygieneartikeln. Besonders wichtig sind Aufklärungskampagnen, die in verschiedenen Projektländern mit Plakaten, Flyern oder in den sozialen Medien gestartet wurden. In Guatemala unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe zum Beispiel die Produktion von Radiospots, mit denen indigene Gemeinden über das Corona-Virus informiert werden.
Sie werden nicht nur in Spanisch, sondern auch in vier lokalen Sprachen ausgestrahlt. Insgesamt können 114.000 Menschen erreicht werden. Der Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe, Martin Keßler, sagt: „Wir brauchen dringend zusätzliche finanzielle Mittel, um unsere Hilfe anzupassen und auszubauen. Wir erhoffen uns von der Politik, dass sie ebenso schnell und unkompliziert handelt wie bei der Unterstützung der Wirtschaft hierzulande.“
Bei allen berechtigten Unsicherheiten und Sorgen, die nun auch die reichen Industrieländer des Nordens erfasst haben, dürfen die Menschen im Süden nicht vergessen werden. Es ist wichtiger denn je, dass die Hilfswerke von jedem einzelnen unterstützt werden. Die Corona-Krise zeigt: Ob im Tschad, in Guatemala oder in Deutschland – überall auf der Welt müssen Menschen gemeinsam handeln, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe brauchen dafür weiterhin die vielen großzügigen Privatspenden und die Unterstützung der Kirchgemeinden mit Gebeten, Fürbitten und Kollekten. Dieser Rückhalt ist die Basis der evangelischen Hilfswerke und bleibt eine notwendige Voraussetzung für deren Arbeit im Süden.

Marius Zippe
Referent Ökumenische Diakonie

Weiterführende Informationen:
www.diakonie-katastrophenhilfe.de/projekte/corona-virus
www.brot-fuer-die-welt.de/themen/corona/

Digital und Barrierefrei

Unsere Umgebung besteht aus Barrieren. Das ist normal und kann auch gar nicht anders sein.
Umso wichtiger ist es, diese Barrieren in den Blick zu nehmen und dort, wo es geht, abzubauen. Das betrifft die baulichen Barrieren genauso, wie auch die Barrieren im gesellschaftlichen Umgang oder eben auch im digitalen Bereich.

Digitale Barrierefreiheit bedeutet vor allem, dass jeder und jede die Inhalte wahrnehmen und verstehen kann. Anhand dieser Frage können die Barrieren bei den eigenen Medien in den Blick genommen werden:

Kann eine Person, die      schlecht/weniger/gar nicht    spricht/hört/sieht/lesen kann   die Inhalte wahrnehmen und verstehen?

Nehmen Sie sich Ihr Medium und gehen sie ruhig einmal die einzelnen Sinne durch und beantworten Sie sich die Frage, ob der Inhalt dann trotzdem noch wahrnehmbar ist.

Der Abbau von Barrieren geschieht nicht von allein, sondern bedarf unserer Umsetzung.

Für Texte heißt das:
– Sie müssen gut verständlich sein: einfache Wörter und einfach Sprache. Fachtexte dürfen natürlich weiterhin Fachtexte bleiben, denn diese Texte richten sich an eine explizite Gruppe. Aber ein Text, der sich an alle richtet, muss auch von allen verstanden werden können.
– Kontrast und Größe des Textes muss veränderbar sein.

Für Bilder heißt das:
– Dem Bild muss ein Alternativtext zugewiesen sein. Wenn man das Bild nicht sehen kann, dann kann es zumindest über den Alternativtext wahrgenommen werden.

Für Videos heißt das:
– Sie brauchen einen Untertitel – immer!
– Eine Audiodeskription und eine Übersetzung in Gebärdensprache ist natürlich auch gut.

Mirjam Lehnert
Referentin im Landesjugendpfarramt für JuB – Jugendarbeit Barrierefrei

Mehr praktische Hinweise zur Umsetzung sind hier zu finden: www.evjusa.de

Hilfswerke rufen erstmals gemeinsam zu Spenden für Misereor auf

Aufgrund der aktuellen Situation, dass die für Ende März geplante bundesweite Fastenkollekte in den Pfarrgemeinden wegen des Gottesdienstverbotes in der gewohnten Form ausfallen muss, haben alle großen katholischen Hilfswerke in Deutschland gemeinsam zu Spenden für die Fastenaktion von Misereor aufgerufen. Mit dieser beispiellosen Aktion sollen die befürchteten erheblichen Spendeneinbrüche gelindert werden.
In diesem Jahr sind die katholischen Hilfswerke zudem durch ein gemeinsames Aktionsthema besonders verbunden: „Frieden leben. Partner für eine Welt“. Misereor stellt dabei in der aktuellen Fastenaktion den Krieg in Syrien und die Auswirkungen auf das Nachbarland Libanon in den Mittelpunkt.
Im Aufruf der Hilfswerke heißt es dazu: „Wir erleben angesichts der Corona-Krise, wie sehr wir selbst auf Solidarität angewiesen sind. Vergessen wir also nicht diejenigen, die noch mehr als wir selbst auf Unterstützung angewiesen sind, weil ihr Leben durch Krieg bedroht ist.“ In dieser herausfordernden Zeit stünden die katholischen Hilfswerke gemeinsam „auf der Seite der Armen, Ausgegrenzten und Unterdrückten – und nebeneinander in Solidarität für die eine Welt“.

Informationen und die Möglichkeit zu spenden gibt es unter: www.misereor.de

Aktionstag auf Zentraldeponie verschoben

Der für den 20. Juni auf der Zentraldeponie Cröbern bei Leipzig geplante Bistumsumwelttag “WERT.VOLL.LEBEN” muss aufgrund der aktuellen Corona-Situation verschoben werden. Ein neuer Termin steht noch nicht fest. Im laufe des Jahres sollen zwischenzeitlich kleinere Aktionen und andere Formate die Auseinandersetzung mit Laudato Si fortführen.

Mehr Informationen sind hier zu finden: www.bistum-dresden-meissen.de

Materialheft anlässlich von 75 Jahre Kriegsende

Auch der Ökumenische Gottesdienst anlässlich von 75 Jahre Kriegsende, der für den 8. Mai am Dreiländerpunkt bei Zittau geplant war, musste abgesagt werden. Das geplante Heft mit einer Predigmeditation zu Ps. 85,10+11 sowie Bausteinen für die musikalische Gestaltung eines Gottesdienstes, für einen Gottesdienst mit Kindern und für die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden erscheint dennoch. Es wird in den kommenden Tagen online gestellt werden.

Das Materialheft zum Download ist hier zu finden: www.evlks.de

Es ist Zeit für positive Visionen

Stellt euch das Jahr 2048 vor, überlegt euch, was Zukunft für alle sein soll. Wie kann sie gerecht und ökologisch sein? Wo wacht ihr auf? Wie bewegt ihr euch fort? Was esst ihr? Was arbeitet ihr und wie werdet ihr leben? – Gar nicht so einfach, oder?
Mit diesen Fragen setzt sich ein Zukunftskongress vom 25-29. August in Leipzig auseinander. In 13 Zukunftswerkstätten sollen Visionen für eine bessere Zukunft entwickelt werden.
Wer sich mit einem Workshop oder anderen (interaktiven) Formaten beteiligen möchte, kann ab sofort seine Beiträge einreichen.

Weitere Informationen sind zu finden unter: https://zukunftfueralle.jetzt/

Termine im April 2020

Aufgrund der Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden Einschränkungen der Landesregierung fallen kirchliche Veranstaltungen bis auf weiteres aus.