Welche Vision treibt uns an?

Zwei Themen liegen in diesen Tagen oben auf: das Kriegsende vor 75 Jahren und die aktuelle Coronakrise. Es sind zwei Katastrophen die eigentlich nicht vergleichbar sind und doch etwas gemeinsam haben.

Wenn ich im Homeoffice sitze und an Videokonferenzen teilnehme, dann bekomme ich von der eigentlichen Katastrophe dieser Tage nicht viel mit. Ich nehme sie in den Nachrichten über die Medien wahr und durch auferlegte Beschränkungen bezüglich der Kontakte, der Freizeitangebote, der Wahl meines Aufenthaltsortes und der Art und Weise meinen Dienst auszuüben. Aber als Nichterkrankte kann ich alles bequem auf dem Sofa aussitzen. Es gibt Berufsgruppen, die ganz anders betroffen sind. Und natürlich gibt es Erkrankte, die unter einer Infektion schwer zu leiden haben und einzelne Todesfälle. Aber nur wenige sind mir bekannt. Sehe ich mir die Zahlen der Statistiken an, dann stelle ich fest, dass wir in Deutschland vergleichsweise glimpflich davonkommen. Da bin ich dankbar für eine Regierung, die besonnen und bestimmt reagiert und für ein Gesundheitssystem, dass trotz aller Kritikpunkte doch zuverlässig arbeitet. Meine Sorge gilt all jenen Menschen, die eine ganz andere Katastrophe erleben. Sie gilt den Menschen auf der Flucht und in den Flüchtlingslagern, die keine hygienischen Bedingungen vorfinden und eben nicht Abstand halten können. Ich denke an jene Menschen, die eh schon unter Armut leiden und die kein Sozialstaat auffängt. Da wo Dürre und Heuschrecken ein kahles Land hinterlassen fehlen die Grundlagen, sich selbst zu ernähren. Und die Arbeit der Hilfsorganisationen wird durch Corona zusätzlich erschwert. Es drohen Verteilungskämpfe, Unruhen und neue Fluchtbewegungen. Corona verstärkt die schwelenden Konflikte.

Vor 75 Jahren war unser Land am Ende. Die Menschen waren aller Illusionen beraubt. Die Städte lagen in Trümmern, viele Millionen von Toten gab es zu betrauern, Männer waren in Kriegsgefangenschaften und viele haben gerade einmal ihr Leben retten können. Zu echten Reaktionen, angesichts des Kriegsendes, fehlte die Kraft. Es ging ums nackte Überleben. Aus dieser Situation heraus entwickelten die Menschen eine für mich unglaubliche Energie, das Land wieder aufzubauen, wenn auch in zwei voneinander getrennten Staaten. Und es entstanden Visionen von einer besseren Welt, die in unterschiedlicher Weise umgesetzt wurden. Sie waren der Motor für all die Kraftanstrengungen.

Das Wort „Katastrophe“ stammt vom griechischen καταστρέφειν (katastréphein) und bedeutet Wendung oder Umwendung. In einer Tragödie bezeichnet es den Umschwung der Handlung d. h. den Punkt, an dem sich das Schicksal des Helden zum Glück oder Unglück entscheidet. Wir erleben Katastrophen als plötzlich eintretende Ereignisse, die das gewohnte Leben zum Erliegen bringen. Überregionale oder internationale Hilfe wird notwendig, um Hilfe zu gewährleisten. Aktuell befinden wir uns alle in einer „komplexen globalen Katastrophe“, weil praktisch alle Bereiche betroffen und die Auswirkungen nicht wirklich absehbar sind.

Die Welt nach Corona wird eine andere sein, so lese ich es hier und da. Aber wie wird sie sein? Werden wir es schaffen, die Probleme gemeinsam anzugehen? Werden wir solidarischer werden? Gelingt es uns, die Klimakrise gleich mit anzugehen? Oder werden am Ende die Reichen noch reicher sein und die großen Konzerne als Gewinner dastehen? Ich sehe uns als Christen hier in der Pflicht, gemeinsam für eine bessere Welt einzutreten. Wir werden nicht auf einmal die Welt retten können. Aber wir können die Probleme laut benennen, Einfluss auf Politiker ausüben, Hilfsorganisationen unterstützen und dort, wo wir hingestellt sind, unseren Beitrag leisten.

In was für einer Welt wollen wir leben? Welche Vision treibt uns an?

Bleiben sie behütet!

 

Kerstin Göpfert
Referentin für den Ökumenischen Weg

Gedenken an das Ende des 2. Weltkrieges in Europa vor 75 Jahren

Am 8. Mai ist es 75 Jahre her, dass der 2. Weltkrieg beendet wurde. Und damit endete auch die zwölfjährige Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Woran denke ich an diesem Anlass?

Zunächst denke ich an die Schrecken dieses Krieges. Es gab 55 Mill. Tote, davon ca 22 Mill Zivilisten. In deutschen Konzentrationslagern wurden 6 Mill. Juden ermordet. Zwangsarbeiter, die bis in die 50er Jahre in Deutschland als displaced persons lebten, wurden in ihrer Heimat als Kollaborateure und in Deutschland als Ausländer und Fremde beschimpft. Unzählige Menschen haben ihre Heimat verloren und wurden zu Flüchtlingen. Inzwischen gibt es immer weniger Zeitzeugen. Es bleiben Bücher und Filme, die die Grausamkeit des Krieges dokumentieren. Unter anderen hat der sowjetisch-russischer Schriftsteller Daniil Granin die Brutalität des Krieges, seine Hoffnungslosigkeit und die Todesängste die Belagerung Leningrads durch die Deutschen in dem Roman „Mein Leutnant“ beschrieben.

Der militärische Sieg der Alliierten über Deutschland beendete den 2. Weltkrieg. Diese Niederlage war das Ende der Idee, die ganze Welt mit dem deutschen Nationalsozialismus zu beherrschen. Für manche Menschen brach eine Welt zusammen. Andere waren froh, dass ihnen der Zusammenbruch einen Neuanfang ermöglichte. Befreit wurden die Inhaftierten in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern, die die Zeit überlebt hatten.

Inzwischen wird die Frage nach dem Umgang mit der Geschichte des 2. Weltkrieges wieder neu gestellt. Ich bin entsetzt, dass lauter als vor Jahren in unserem Land vom Ende der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und ihre grausamen Auswirkungen gesprochen wird. Nur wenn wir uns auch der dunklen Seiten unserer Vergangenheit erinnern, verstehen wir die Gegenwart und stehen weniger in der Gefahr, in Zukunft die Abwege zu wiederholen. Deshalb müssen wir uns mit Sensibilität und Entschlossenheit gegen rassistische, antisemitische und menschenverachtende Tendenzen in unserer Gesellschaft einsetzen. Dann wird die Frage nach unserer Verantwortung für den Krieg damals gestellt. Diese Frage habe ich mir auch bei einem Besuch in Yad Vashem gestellt. Ich erinnere mich, wie Scham in mir aufstieg, als ich die ausgestellten Dokumente in Originalsprache, der Sprache der Täter lesen konnte. Wir sind für die Vergangenheit nicht verantwortlich, tragen aber die Last der Geschichte und haben die Verantwortung für Entwicklungen und Entscheidungen der Gegenwart. Vielleicht werden uns unsere Enkel einmal fragen, warum wir nicht mehr für die verhungernden Kinder in Afrika und die Ertrunkenen auf dem Mittelmeer oder gegen die Erwärmung des Weltklimas unternommen haben.

Ich wurde 13 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges geboren. Erzählungen aus der Kriegszeit kamen mir als Kind und als Jugendlicher vor, als kämen sie aus einer anderen Welt. Heute weiß ich, dass 13 Jahre nicht viel Zeit sind. Vermutlich hatten die Erfahrungen der Eltern- und Großelterngeneration mit dem Krieg mehr Einfluss auf mich, als ich das damals empfand. Die Angst vor einem erneuten Krieg saß tiefer, als es sich viele eingestehen wollten. Angefacht wurde diese dann auch von der Ideologie, dass der Feind im Westen Krieg vorbereite. Eine gegenteilige, nicht weniger tief gehende, Erfahrung betrifft die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg, als Nachbarn von Deutschland die Hand zur Versöhnung ausstreckten. Zum Beispiel war es die Reise holländischer Theologiestudenten nach Deutschland und ihr Wille zur Versöhnung, die eine bis heute bestehende Freundschaft zu unserer Familie begründete. Zunächst trennten die Grenzen zwischen den Ländern unsere Familien. Nach der Grenzöffnung in Deutschland und Europa können wir uns begegnen und bezahlen inzwischen sogar mit dem gleichen Geld. Die Familienfreundschaft ist auf die nächste Generation übergegangen.

Es ist ganz und gar nicht selbstverständlich, dass wir in Mitteleuropa seit 75 Jahren ohne einen Krieg leben. Dafür können wir zunächst Gott dankbar sein. Wir haben auch unseren europäischen Nachbarn für die ausgestreckten Hände zu danken. Die Zusammenarbeit in Europa und darüber hinaus hat diese Friedenszeit ermöglicht. Der Einsatz für den europäischen Zusammenhalt ist auch weiterhin nötig, gerade wenn es gegenwärtig gegenläufige Tendenzen zur Abgrenzung gibt.

Aber unser Blick geht auch über Europa hinaus. In so vielen Ländern der Welt werden nach wie vor Kriege geführt. Diese treiben Millionen Menschen in die Flucht. Bedrohlich ist der Export von Rüstungsgütern in die Krisenregionen der Welt, die technischen Möglichkeiten immer neuer Waffensysteme und auch die Idee, Nuklearwaffen zu modernisieren, statt sie abzuschaffen.

Für die Kirchen war das Ende des 2. Weltkrieges eine Zäsur. Im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) war das Friedensengagement seit seiner Gründung 1948 zentral, als gesagt wurde „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Das klingt nach nicht viel. Wenn ich aber an Stellungnahmen von Kirchenleitungen noch wenige Jahre vorher denke, dann ist das eine klare und in damaliger Zeit mutige Aussage. Das Thema hat die Arbeit des ÖRK weiter begleitet bis bei der Vollversammlung 2013 im koreanischen Busan die Kirchen der Welt zu einem „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“ aufgerufen wurden.

Der damalige Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hat in seiner denkwürdigen Rede am 8. Mai 1985 mit den folgenden Worten zu einer Haltung des Friedens aufgerufen: „Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben nicht gegeneinander.“ Das gilt auch noch nach 35 Jahren.

Michael Zimmermann
Beauftragter für Friedens- und Versöhungsarbeit der Ev. luth. Landeskirche Sachsens

Das Coronavirus als Weckruf?

[…] Die Ökologische Krise und die Corona Krise als Anfrage an den christlichen Glauben und die Theologie
In beiden Krisen zeigt sich auch die große Verwundbarkeit des Menschen, seine Ohnmacht und aber auch die Bedeutung seiner Verantwortung. Beide Krisen offenbaren zudem die Abhängigkeit der Menschen voneinander und von der nichtmenschlichen Schöpfung- im guten wie im schlechten Sinne. In beiden Krisen wächst die Sehnsucht nach Halt, nach Orientierung und nach Hoffnung.
Für Christen stellen sich in der gegenwärtigen Corona Krise auch alte und neue Fragen nach Gott und seiner Schöpfung, nach Heilung und Erlösung und nach dem, was Hoffnung gibt für die Zukunft. Mit diesen Fragen befassen sich zurzeit nahezu alle, die im kirchlichen Verkündigungsdienst stehen. Jede Andacht, jede Predigt, jede Meditation versucht, in dieser besonderen Krisenzeit aus dem christlichen Glauben Trost und Orientierung zu geben. Ich finde es beeindruckend, was hier an christlicher Kernsubstanz in tröstlichen und zugleich eindringlichen Worten zur Sprache kommt und wie stark und unmittelbar biblische Texte in die gegenwärtige Situation sprechen. Das ist ein Kairos auch für die Kirche, in der ihre besondere Mission gefragt ist und in der ihr – ähnlich wie schon bei der Flüchtlingskrise – trotz aller äußeren Beschränkungen neue Kraft und Lebendigkeit zuwachsen. Aus der theologischen Wissenschaft gibt es verständlicherweise (angesichts der Kürze der Zeit) zu diesen Fragen bisher erst wenige Beiträge.

Der Glaube an Gottes Schöpfermacht und Fürsorge
Eine Frage, die in vielen Predigten und Andachten und auch in den theologischen Beiträgen häufig gestellt wird, ist die Frage nach dem Sinn der Corona Krise. Ist sie eine Strafe Gottes? Gehört sie zu den Kennzeichen einer „gefallenen Schöpfung“? Wie verträgt sie sich mit dem Glauben an Gottes Liebe und Fürsorge?
Der Glaube an Gottes Schöpfermacht und Liebe kann in Zeiten wie diesen einen Riss bekommen, denn wir erleben, dass vieles, was gerade geschieht, nicht Gottes Willen entspricht. Glaube und Erfahrung treten hier schmerzhaft auseinander.
In diesem Zusammenhang äußern aktuelle Beiträge aus der wissenschaftlichen Theologie mit Vehemenz kritische Anfragen an die ökologische Theologie, der sie eine naive Vorstellung von der guten Schöpfung und ein zu großes Vertrauen in die „Selbst- und Weltsanierungsfähigkeit“ des Menschen vorwerfen.[10] Vielmehr zeige sich nun in der Corona Krise, dass die Schöpfung abgründig und zwiespältig sei und auch lebensbedrohliches Potential beinhalte. „Die Schöpfung entfaltet sich mit einer nicht zuletzt abgründigen Freiheit, die sich auch in lebenszerstörerischen Mutationen der Viren manifestiert.“[11] Es sei ein Fehler, die Sünde nur als Defizit des Menschen zu sehen, Gewalt geschehe auch in den biologischen Prozessen.[12] Aufrufe zur Versöhnung mit der Natur wären deshalb fragwürdig, ein solcher „religiöser Schöpfungskitsch“ würde nicht weiterhelfen.[13]
Ich halte diesen Vorwurf in der gegenwärtigen Krise für wenig hilfreich. Zum einen zeichnet er ein Zerrbild der ökologischen Theologie. Auch Jürgen Moltmann, der Begründer der ökologischen Schöpfungslehre, hält fest, dass die gegenwärtige Schöpfung nicht nur gut ist, sondern der Vergänglichkeit und Nichtigkeit unterworfen- jedoch ohne eigene Schuld. Deshalb sei es auch falsch von der „gefallenen Natur“ zu sprechen.[14] Zum anderen wird aus meiner Sicht in den aktuellen theologischen Beiträgen vorschnell auf die unheimlichen lebenszerstörerischen Kräfte der Natur und ebenso auf die Geheimnisse des verborgenen Gottes verwiesen, ohne die Verantwortung des Menschen für die Zerstörung von Lebensräumen ausreichend in Betracht zu ziehen. Natürlich gibt es auch unerklärliche Gewalt in der Schöpfung, es gibt Krankheiten und Leid, die ohne Sinn sind. Mir scheint jedoch die Corona Pandemie dafür nur bedingt ein passendes Beispiel zu sein. Für mich verschränken sich in ihr die Verantwortung des Menschen für gefährliche Überschreitungen der ökologischen Grenzen (konkret die Beschneidung der Lebensräume von Tieren und die Abholzung von Wälder) mit für den Menschen lebensbedrohliche biologische Entwicklungen (Mutationen), für die wir keine Erklärung haben.

Die Corona Krise als ein Weckruf
Wie viele meiner Kollegen im Pfarrdienst in ihren Andachten betonen, glaube auch ich nicht, dass die Corona Krise eine Strafe Gottes ist. Dass Gott weder Krankheit noch Tod will, zeigt sich schon in den neutestamentlichen Geschichten, in denen Jesus Menschen von ihren Krankheiten heilte und Tote auferweckte. In diesen Heilungsgeschichten weist Jesus einen kausalen Zusammenhang von Sünde und Krankheit unmissverständlich zurück. Aber dennoch gibt es Mächte, die das Leben in Frage stellen und zerstören können.
Moltmann beschreibt die Schöpfung Gottes als einen Prozess, in dem Gott nicht nur am Anfang die Schöpfung aus dem Nichts erschafft, sondern sie auch unter Mühen gegen die Mächte der Lebensverneinung erhält und schließlich mit der Auferstehung Jesu damit beginnt, sie neu zu erschaffen.[15] Gott ist also nicht als der jenseitige Herrscher zu verstehen, der über irdischem Leid steht, sondern als einer, der aus Liebe zu seiner Schöpfung in Jesus Christus in die von Nichtigkeit bedrohte Schöpfung eingeht, mit ihr mitleidet, mit ihr gegen die Nichtigkeit ankämpft und durch Leid und Tod hindurch die Schöpfung neu erschafft.[16]
Mir scheinen die Stimmen am überzeugendsten, die in der Corona Krise einen Weckruf zu einer gesamtgesellschaftlichen Umkehr sehen.[17] Ich glaube, dass Gott uns trotz der Erfahrung von Leid und Tod nicht zugrunde richten, sondern uns aufrichten und zu Recht bringen will.[18] In der Tat enthält die Krise neben der Erfahrung großen Leids auch Chancen. Zukunftsforscher und Soziologen zeigen in eindrücklichen Szenarien auf, wie sich die Welt nach der Corona Krise wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und sozial zum Positiven verändern könnte, wie nachhaltige Entwicklung uns resilienter machen und präventiv gegen neue Krisen wirken könnte .[19] Schon jetzt spüren wir an einigen Punkten, wie uns die erzwungene Einkehr vieles neu entdecken und wertschätzen lässt, was wir vorher zu wenig wahrgenommen haben, wie z.B. die hohe Bedeutung von alltäglicher Nachbarschaftshilfe und gesellschaftlicher Solidarität. Systemrelevant sind nun nicht die großen Institutionen wie Banken oder Versicherungen, sondern Menschen, die in den Krankenhäusern, Lebensmittelgeschäften oder in der Daseinsfürsorge ihren wichtigen lebensdienlichen Dienst tun. Regionale Wirtschaftskreisläufe und kurze Lieferketten gewinnen angesichts der aktuellen Lieferengpässe wichtiger Güter viel mehr an Plausibilität als die nun fragilen globalisierten Wirtschaftsstrukturen und Lieferketten.
Auch der Glaube an die neue Schöpfung Gottes, die mit der Auferstehung Jesu begonnen hat, kann uns die Kraft geben, die Hoffnung für die Zukunft nicht zu verlieren. Nicht weil wir Menschen diese neue Welt schaffen könnten und sollten. Sondern weil sie uns eine Vision von der Fülle des Lebens geben, die Gott für seine Schöpfung will. Für Moltmann ist die Eschatologie nichts anderes als in die Zukunft gewendeter Schöpfungsglaube. Wer aus apokalyptischer Angst die Vernichtung der Welt erwartet, verleugnet die Schöpferkraft Gottes. Denn der Glaube erwartet nicht den Untergang, sondern die Verwandlung der Welt.
„Wer an Gott glaubt, der aus dem Nichts das Sein erschuf, der glaubt auch an den Gott, der Tote lebendig macht. Darum hofft er auf die neue Schöpfung von Himmel und Erde. Sein Glaube macht ihn bereit, der Vernichtung auch dort zu widerstehen, wo menschlich gesehen nichts mehr zu hoffen ist. Seine Hoffnung auf Gott verpflichtet ihn auf die Treue zur Erde“.[20]

OKRin Dr. Ruth Gütter
Referentin für Nachhaltigkeit der EKD

Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug. Den ganzen Text und eine ganze Textsammlung zum Thema Corona, den Ursachen, Folgen und Chancen, finden Sie unter: https://www.ekd.de/coronakrise-okologische-krise-und-nachhaltigkeit-55144.htm

[10] Günter Thomas, Theologie im Schatten der Corona Krise, Bochum 18.3.2020, S. 1-12 https://zeitzeichen.net/node/8206
Ralf Frisch, Gott, das Virus und wir, Zeitzeichen online, 24.3.2020
[11] Günter Thomas S.1
[12] G. Thomas S.4
[13] G. Thomas S. 2
[14] Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung, ökologische Schöpfungslehre, 1985, S. 81
[15] Jürgen Moltmann, S. 68
[16] Jürgen Moltmann, S. 217
[17] Ansprache von Pfarrer Baier am 2.4.2020 in Kassel www.ekkw.de/kassel
[18] Ansprache von Pfarrer Henning www.youtube.com Evangelische Gemeinde in Beirut
[19] M. Horx, Die Welt nach Corona www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/
Fiktive Kanzlerinnenrede https://taz.de/Fiktive-Kanzlerinnenrede/!5670925/
[20] Jürgen Moltmann ; Gott in der Schöpfung S. 105

Erlassjahr 2020

Über 200 Netzwerke und Organisationen, darunter Brot für die Welt und Misereor, haben sich im vergangenen Monat zusammengetan, um gemeinsam für einen Schuldenerlass der ärmsten Länder angesichts der Coronakrise einzutreten. (Der Text der Kampagne ist hier zu finden: www.erlassjahr.de )

Alle im Jahr 2020 fälligen Kapital-, Zins- und Gebühren für Auslandsschulden sollten dauerhaft gestrichen werden und nicht in der Zukunft anfallen. Die Stornierung von Schuldenzahlungen ist der schnellste Weg, um Geld in Ländern zu halten und Ressourcen freizusetzen, um die dringenden Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftskrisen zu bewältigen, die sich aus der globalen Covid-19-Pandemie ergeben.

Im April genehmigte der IWF die Kündigung des Schuldendienstes für 25 Länder für sechs Monate, und die G20 hat eine Vereinbarung angekündigt, wonach bilaterale staatliche Kreditgeber die vom 1. Mai bis 31. Dezember 2020 fälligen Kapital- und Zinszahlungen der ärmsten Entwicklungsländer aussetzen sollen. Das Abkommen deckt möglicherweise 77 Länder ab. Alle förderfähigen Zahlungen werden verschoben und die Länder hätten dann 3-4 Jahre Zeit, sie zurückzuzahlen.
Für Kredite der Weltbank oder anderer multilateraler Entwicklungsbanken oder für Schulden gegenüber privaten Gläubigern wurde noch kein Schuldenerlass gewährt, sodass die Länder diese Zahlungen im Jahr 2020 noch leisten müssen.

Das Moratorium hat wichtige Zeit gekauft. Allerdings bedeutet die von der G20 vorgeschlagene Aussetzung der Schuldendienstzahlungen nicht die Einstellung des Schuldendienstes, sondern eine Verschiebung der Zahlungen nach 2021 (eine einjährige Nachfrist und eine Rückzahlungsfrist von 3 Jahren). Obwohl der Schritt der G20 bedeutend ist und die sofortige Reaktion auf Covid-19 mit einer Aussetzung der Schuldenzahlungen im Wert von rund 12 Milliarden US-Dollar unterstützen wird, ist die Atempause, die sie den Ländern bietet, möglicherweise nur von kurzer Dauer. Durch die Vereinbarung, nur Zahlungen zu verschieben, werden Schuldenkrisenrisiken für später gespeichert. Darüber hinaus erfolgt die Aussetzung auf der Grundlage, dass die zurückgestellten Zahlungen zum Zeitpunkt der Rückzahlung angepasst werden, um sicherzustellen, dass die Gläubiger keine Wertverluste bei den verspäteten Zahlungen erleiden. Das Ergebnis ist, dass dies die Gläubiger nichts kostet und die Kreditnehmerländer einfach größere Rückzahlungen haben, wenn die Suspendierungsfrist endet, und möglicherweise mehr Kredite aufnehmen müssen, um zurückzahlen zu können. (Quelle auf Englisch: www.eurodad.org )
Um soviel wichtiger sind die Forderungen der Erlassjahrkampagne: die Annullierung aller in den Jahren 2020 und 2021 fälligen Auslandsschuldenzahlungen und ein faires und unabhängiges Insolvenzverfahren für verschuldete Staaten.
Mehr Informationen finden sie hier: www.erlassjahr.de
Einen Videoclip zur Kampagne finden sie hier

Keine Panik in Zeiten von Corona

Ich bin Rosalie Renner, 19-jährige Optimistin, wissbegierige Leseratte, ehrenamtliche Helferin im Landesjugendpfarramt und meiner Kirchgemeinde, Studentin, Tochter, Enkelin, große Schwester, Freundin und noch viel mehr. Alles ganz normal… Und ich gehöre gleichzeitig aufgrund meines Muskelschwunds und der dadurch notwendigen, künstlichen Beatmung zur Risikogruppe. Bei einer Infektion mit Corona hätte ich arg zu kämpfen. Doch warum sollte ich mich ausschließlich auf diese Gefahr konzentrieren, wenn mein Leben noch aus viel mehr Puzzleteilen besteht?

Die Gefahr einer Infektion der Atemwege ist schon immer Teil meines Lebens. Es gibt so einige Bakterien und Viren, die mir gefährlich werden können. Zu RS-Viren, Influenzaviren, Rhinoviren und Adenoviren u.a. kommt jetzt eben noch COVID-19 hinzu. Klar schütze ich mich gegen solche Viren, aber das habe ich vorher auch schon getan: In der Grippesaison gehe ich automatisch nicht so oft aus dem Haus – schon allein, weil ich eine Frostbeule bin. Desinfektionsmittel habe ich immer für alle Pfleger und Therapeuten da. Wenn jemand krank ist, kommt er mir entweder gar nicht erst ins Haus oder kriegt bei nur geringen Beschwerden einen Mundschutz verpasst, hält so gut wie möglich Abstand und danach wird der Raum mit Weihrauch o.ä. ausgeräuchert bzw. desinfiziert. Und Hände waschen sollte nun wirklich nicht erst in Zeiten von Corona selbstverständlich sein.
Geändert hat sich daran nichts. Wir brauchen nur öfter mal Desinfektionsmittel und Mundschutz und natürlich kommt kein unnötiger Besuch, aber das ist für mich kein Weltuntergang. Die Corona-Krise macht mir keine Angst und genau das will ich an andere Menschen weitergeben: Leute, bitte bleibt nach Möglichkeit zuhause, aber hört mit dieser Panikmache auf. Ihr braucht zum Beispiel nicht flaschenweise Desinfektionsmittel. Das brauchen Krankenhäuser und Intensivpflegepatienten dringender. Und offene Hände durch zu viel Desinfektionsmittel oder ein Immunsystem, was vor lauter Sterilität gar nichts mehr zu tun hat, ist schlicht eine ungesunde Überreaktion. Panik hat noch nie was gebracht, denn Panik schaltet logisches Denken aus. Zudem sorgt Gott doch selbst für die Vögel in den Bäumen. Warum also sollte er nicht auch auf uns aufpassen?

Außerdem denke ich, dass die Corona-Krise auch ihre guten Seiten hat:
Menschen halten viel mehr zusammen und helfen sich gegenseitig, kaufen füreinander ein, rufen sich gegenseitig an usw. Plötzlich meldet man sich bei Freunden, mit denen man schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Man achtet die alltägliche Arbeit von Menschen, die bisher oft für selbstverständlich gehalten wurde.
Auf einmal gibt es alle möglichen Online-Angebote – von Gottesdiensten über Konzerte bis hin zu Lesungen. Das ist genau das, was Menschen wie ich, die oft nicht überallhin können, sich immer gewünscht haben. Es geht doch! So können viel mehr Menschen von den Veranstaltungen profitieren, für die der Besuch dieser ansonsten schwierig bis unmöglich gewesen wäre. Auch Besprechungen werden jetzt aus der Not heraus oft über Videochats gemacht. All das ist ein Stück weit Inklusion.
Ich finde, das sind wunderbare, wichtige Fortschritte unserer Gesellschaft. Und ich wünsche mir, dass wir daraus lernen und nach der Corona-Krise nicht wieder komplett in den alten Trott verfallen.

Rosalie Renner
Mitarbeiterin bei JUB Jugendarbeit Barrierefrei

Sicherheit neu denken

Das 25. bundesweiten Vernetzungstreffen der ökumenischen Friedensgebetsgruppen findet vom 25. – 27. September 2020 in Detmold statt. Das Thema des Treffens lautet: „Sicherheit neu denken – Der Weg von der militärischen zu einer zivilen Sicherheitspolitik“
Eingeladen sind alle jene, die regelmäßig Friedensgebete anbieten.
Mehr Informationen sind hier zu finden: www.oekumenischerweg.de

Friedensbeauftragter warnt vor rascher Entscheidung in Tornado-Frage

Der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, warnt davor, eine Entscheidung über eine Nachfolge des Tornado-Jagdbombers zu treffen, ohne vorher eine breite Debatte über die nukleare Teilhabe geführt zu haben. „Es geht hier mehr als um die Nachfolge eines in die Jahre gekommenen Flugzeugs, es geht vor allem auch darum, welche Rolle die nukleare Abschreckung und der Einsatz von Atomwaffen in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik künftig spielen sollen“, betont der EKD-Friedensbeauftragte. […] „Die Milliarden, die jetzt für ein Nachfolgemodell des Tornado-Kampfjets ausgegeben werden sollen, werden derzeit eigentlich dringend für die schlimmen Folgen der Corona-Pandemie benötigt. Und hier vor allem auch zur Beseitigung der weltweiten Ursachen für Konflikte und Kriege, die sich durch die Pandemie wahrscheinlich noch deutlich verschärfen werden.“
Das Wort in ganzer Länge ist hier zu finden: www.evangelische-friedensarbeit.de

Glückwunsch an die kleine Welt in der großen Welt

Die Vereinten Nationen zwichnet Projekte aus, die sich für Biologische Vielfalt einsetzen. Zu den Ausgezeichneten gehört nun auch „das Weltchen“ in Dresden, ein Gemeinschaftsgarten, der auf einer Fläche der Ev.-Luth. Laurentiuskirchgemeinde Dresden entstanden ist.
„Das Weltchen ist eine Schnittstelle zwischen Natur und Stadtleben. Ein Ort der Begegnung, an dem Gärtnern, Bildungsangebote und Nachbarschaftshilfe Impulse zu kreativer Resilienz und lebenslangem Lernen geben. Eine kleine Welt in der großen Welt.“ heißt es in der Projektbeschreibung.
Wir gratulieren zu dem Preis!
Mehr Informationen finden sich in der Projektbeschreibung und hier: www.dasweltchen.wordpress.com

Gottesdienst unter dem Sternenhimmel

Annnegret Richter-Mesto von der Johannes-Kreuz-Lukas-Gemeinde und Anna Groschwitz vom ÖIZ haben ihren „Gottesdienst unter dem Sternenhimmel“, der eigentlich am Samstag, 25. April 2020, im Großen Garten stattfinden sollte, aufgenommen und für alle zur Verfügung gestellt. So kann jede(r) die Abendstunden nutzen und den Gottesdienst auf dem heimischen Balkon oder auf einer Frühlingswiese mitfeiern. Es ist schade, dass der Gottesdienst nicht wie geplant stattfinden konnte. Aber so haben auch Nicht-Dresdner etwas davon.
Mehr Informationen gibt es hier: https://www.infozentrum-dresden.de/der-daemmerung-eines-fruehlingsabends-vertrauen-still-werden-der-dunkelheit-begegnen-lauschen-sterne-sehen-gott-begegnen/
Den Gottesdienst unterm Sternenhimmel findet Ihr zum Anhören hier (im Video-Format): https://www.youtube.com/watch?v=s8lMmq6X3Zw&feature=youtu.be
oder hier (im MP3-Format): https://soundcloud.com/user-492120215/sternengottesdienst.

Termine im Mai 2020

Aufgrund der Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden Einschränkungen der Landesregierung fallen viele kirchliche Veranstaltungen vermutlich auch im Mai noch aus.